Ushuaia. Es wird kalt und immer kälter.

Wir wollen es wissen. Wenn wir schon hier sind. Wer weiß, ob wir jemals wieder Gelegenheit haben werden.

Für die Chance auf Restplätze bei einer Antarktiskreuzfahrt sind wir gute sechs Wochen zu spät. Dennoch hat uns der Reiz des Extremen in seinen Bann gezogen. Weiter als bis Ushuaia kann man am amerikanischen Kontinent nicht mit dem Auto fahren. Es ist die südlichste Stadt Argentiniens. Und im Herbst auch schon ganz schön kalt.

Herbstfarben. Im Hintergrund zeichnet sich der Winter ab.
Wir nähern uns in vielen Kurven dem Ende des Südamerikanischen Kontinents.

Nach unserem Start am Lago Fagnano kommen wir nach kurzer Zeit in einen kleinen Schneesturm am Garibaldi Pass. Trotz der wenig optimalen Fahrbedinungen (Sommerreifen ole) freuen wir uns wie jedes Jahr über die ersten Schneeflocken und darüber, wie wunderschön die weißen Kristalle auf den bunten Blättern der umliegenden Laubwälder aussehen.

Erst noch eine kleine Wanderung

Bevor wir Ushuaia erreichen, haben wir noch eine kleine Wanderung zur Laguna Esmeralda („Smaragdlagune“) geplant. Die Witterung kann uns nicht abhalten, frei nach dem vielzitierten Spruch „Es gibt kein schlechtes Wetter…“: Haube, Handschuhe, los.

Der erste Teil führt durch einen Wald, der Boden ist teilweise noch hartgefroren von der kalten Nacht. Als wir eine Art Forstweg erreichen, verbreitert sich der Weg. Bald kommen wir zum ersten „tiefen“ Teil, der zum Glück mit Holzplanken ausgelegt ist, die wir vorsichtig queren – Rutschgefahr. Wieder ein Stück durch den Wald, leicht bergauf, und plötzlich finden wir uns auf einer Lichtung wieder.

…und hops!

Vor uns eine Torflandschaft

Überall sind Spuren, nur die nächste Markierung ist nicht auszumachen. Der Weg auf Alfreds Karte existiert nicht, er wurde wohl verlegt. Nach einigem Zögern machen wir es wie alle anderen Wanderer und suchen uns einen eigenen Weg durch den weichen Boden, schnell genug, um nicht allzu tief einzusinken. Wir hoffen, den sensiblen Untergrund nicht nachhaltig zu beschädigen.

Laguna Esmeralda

Irgendwann erreichen wir dann wieder festen Grund – und dort erspähen wir auch wieder gelbe Markierungen. Nach wenigen Minuten sind wir dann am Ziel unserer Wanderung angelagt: Einem tatsächlich recht grünen See. Dahinter stehen vermutlich eindrucksvolle Berge, allerdings zeigen sie sich heute von ihrer schüchternen Seite, wolkenverhangen.

Heute ohne Hintergrund.

Dieses Mal reicht es nur für ein paar schnelle Fotos, eventuell wurde auch die eine oder andere Schneeflocke mit der Zunge gefangen, dann treten wir den Rückweg an. Es hat nicht aufgehört zu schneien und wir müssen uns in Ushuaia noch einen Stellplatz für die Nacht suchen.

Zurück am Parkplatz, wo in der Zwischenzeit ein mobiler Hotdoggrill aufgetaucht ist, genießen wir den Luxus des Vans: Während am Gasherd das Teewasser kocht, wechseln wir komfortabel in trockenes Gewand. Danach gibt es erstmals eine Jause im Trockenen.

Wanderung zur Laguna Esmeralda – kurz und knackig

Gesamtzeit: 3:23 h
Gehzeit: 3:02 h
Distanz: 9,44 km
Höhenmeter im Aufstieg: 256 Hm
Beschreibung: Technisch einfache Wanderung, bei schönem Wetter ist die Aussicht sicherlich wunderschön. Bei durchschnittlicher Grundkondition und Freude am Gehen sollte sie keine größere Herausforderung darstellen.

Wasserflasche, Sonnenschutz, Windjacke und Hausverstand nicht vergessen.

Ushuaia

Es sind nur wenige Kilometer, an einem kleinen Schigebiet vorbei, bis Ushuaia. Die Stadt hat den Charme eines etwas zu groß geratenen, in die Jahre gekommenen Schiortes. Wir parken vor der Tourist Office, nutzen kurz das kostenfreie WLAN, um Nachrichten zu lesen und zuhause „Hallo“ zu sagen.

Vom Parkplatz sehen wir über’s Wasser. In scheinbar greifbarer Nähe die zu Chile gehörende Isla Navarina. Dahinter noch mehr Wasser. Viel mehr Wasser. Die gefürchtete Drake Passage. Dann die Antarktis.

Die ist für’s nächste Mal.

The Kindness of Strangers

Dieses Mal finden wir einen Campingplatz mit Dusche. Die ist zwar draußen, dafür ist das Wasser heiß. Wir sind die einzigen Gäste. Die Besitzerin, die mit ihrer kleinen Tochter am Campingplatz lebt, nimmt unsere nassen Wanderschuhe und -hosen mit ins Haus, damit sie bis zum nächsten Tag trocknen.

Wir verbringen die wohl kälteste Nacht in unserem Van. Unter Schlafsack und Daunendecke ist es gerade so auszuhalten, aber keineswegs angenehm. Am Morgen dämpft eine gut 10 cm hohe Schneedecke die Geräusche. Zum ersten Mal verwenden wir den Motor, um den Van während es Frühstücks zu heizen. Es ist einfach zu kalt.

Die wunderbare Besitzerin bietet uns Kaffee und Tee an und meint, wir könnten ruhig im Haus frühstücken & abwaschen, sie müsse ohnehin etwas erledigen, da hätten wir unsere Ruhe. Außerdem wäre unsere Kleidung wohl trocken. Wir nehmen das Angebot gerne an. Das kleine Haus hat Fußbodenheizung.

Jetzt müssen wir aber den Campingplatz noch verlassen. Der Weg zu Straße ist ziemlich steil und der Boden aufgeweicht. Alfred sitzt am Steuer, ich weise ihn zwischen den Bäumen ein. Die ersten paar Versuche scheitern. Alfred fährt den Van immer weiter hinunter in die Wiese. Auf halbem Weg drehen die Räder durch und es gibt kein Weiterkommen. Wir überlegen, wer uns hier hochziehen könnte und mit welchem Fahrzeug, als der letzte Versuch doch noch klappt. Erleichtert fahren wir los.

Glaciar Martial

Langsam setzt sich die Sonne durch, der Schneefall hat aufgehört. Da unsere Wanderschuhe ja nun trocken sind, steht einem Spaziergang im Winter Wonderland nichts entgegen. Wir haben von einem Gletscher gehört, der wohl relativ unspektakulär zu erreichen sei. Direkt über der Stadt gelegen.

Die Zufahrtsstraße ist schneefrei, am Parkplatz stehen erst wenige Autos. Wir befinden uns in jenem Schigebiet, in dem das Österreichische Herren Schiteam ihr Sommertraining absolviert. Der Wanderweg folgt einem kleinen Bach neben der Piste. Es fühlt sich an als wären wir zuhause, als wir im frischen, knöchelhohen Schnee bergan stapfen. Der Blick nach unten ist wunderschön: Weiße Hänge, blaues Meer.

Wie zuhause!

Den Gletscher erreichen wir an diesem Tag nicht, weil in der Höhe ein erbarmungsloser Sturm aufkommt. Antarktisfeeling pur inklusive Orientierungsverlust. Der Weg ist nicht mehr auszumachen. Da drehen wir doch lieber um. Wenige Höhenmeter weiter unten wieder Sonnenschein und Windstille.

Ob es hier windig ist?
War hier nicht gerade noch ein gut markierter Wanderweg?
Na gut, dann drehen wir halt um.

In der Stadt kaufen wir noch Proviant ein und machen uns auf den Weg in den Feuerland Nationalpark, wo wir in den kommenden Tagen noch die eine oder andere Wanderung unternehmen möchten.

Dort ist die Straße dann aber wirklich zu Ende.

Fun Fact – Exkurs in die Geografie

Unsere Wahrnehmung ist, dass Ushuaia sehr nahe am Südpol bzw. an der Antarktis liegt. In absoluten Zahlen stimmt das allerdings nicht: Ushuaia liegt auf gut 54 Grad südlicher Breite, während Hamburg auf rund 53 Grad nördlicher Breite liegt. Ein Grad entspricht 111 km (exakt 60 Seemeilen). Somit ist die Entfernung zwischen Ushuaia und dem Südpol nur minimal kleiner als zwischen Hamburg und dem Nordpol. Kopenhagen ist dem Pol sogar näher!

Durch die exponierte Lage und die große Wasserfläche bzw. das Fehlen von Landmasse wirkt die Stadt allerdings wesentlich „polarer“ als sie tatsächlich ist.

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